Charlie - ein Hund für Lucy

… Nach dieser letzten OP gab Lucy sich auf. Wieder wochenlanges Nichts-Tun, Schmerzen… Sie wollte einfach nicht mehr. Es war so traurig, sie so zu sehen.


Als Charlie 3 Wochen alt war, besuchte ich ihn zum 1. Mal. Ich nahm ein Handtuch von zu Hause mit und rieb ihn immer wieder damit ab. Eins ließ ich bis zum nächsten Besuch da. 2x pro Woche besuchte ich ihn und tauschte die Handtücher jedes Mal aus.

 

Charlie hatte noch einen Bruder, und als die Welpen 6 Wochen alt waren, sah ich die Beiden an und ich überlegte, nicht doch lieber den Bruder zu nehmen (irgendwas stimmte mit Charlie nicht!?) Aber – der Andere konnte kein Charlie sein! Das wusste ich, als die beiden Brüder sich vor mich setzten und mich ansahen. Erleichtert und seufzend legte sich Charlie zwischen meine Beine und schlief ein.

 

Immer, wenn ich von den Welpen nach Hause kam, brachte ich Lucy ein Handtuch mit und nannte es Charlie, dann legte ich es in den für Charlie in der 3. Woche aufgebauten Zimmerkennel. Lucy schnupperte und beobachtete genau, und von Mal zu Mal wurde ihr Blick lebendiger.


Charlie zieht ein...

Als Charlie 8 Wochen war, fuhren wir mit Lucy hin, um ihn abzuholen. Auf einer Wiese etwas außerhalb holte wir beide aus dem Auto… Sofort nahm Lucy ihre Chance war und grenzte ihn ein. Der Kleine tat mir so leid, am liebsten hätte ich ihn gerettet – aber (ich hasse diesen Satz) “da mussten wir durch”.

 

Am 3. Tag hätte Lucy “beinahe” mit ihm gespielt, hat dann aber gesehen, dass wir die Beiden beobachteten. So konnte sie sich noch in letzter Sekunde zusammenreißen. Aber am 5. Tag hatte er sie mit seinem Charme eingewickelt, und sie konnte nicht mehr widerstehen. Einer meiner schönsten Erlebnisse, die ich je hatte, war dieser Moment. Lucy hatte wieder Spaß am Leben! Charlie war genauso, wie ich ihn mir “gedacht” hatte. Ein bildschöner Langhaarschäfi, lustig, verspielt, konnte mal einen Knuff vertragen und war einfach nur Kumpel durch und durch.

 

Ein Traum von einem Hund. Er mochte Jeden und Alle und umgekehrt. Das, was ich fühlte, als er mit 6 Wochen diesen Blick hatte, der mich dazu brachte über seinen Bruder nachzudenken, den sah ich dann wieder, als Charlie ca. 5 – 6 Monate alt war. Ich stellte fest, dass er ab und an “Aussetzer” hatte.

 

Die böse Überraschung...

Sein Blick veränderte sich. Anfangs so selten, dass ich versuchte, es zu ignorieren. Hunden gegenüber hatte er nie Probleme. Seine Probleme wurden 2-Beiner. Und, wenn er jemanden 2- oder 4-Füßler oder auch Übungen, nicht nach max. 3 Tagen wieder sah oder übte, konnte er sich nicht mehr erinnern. Er hatte Anzeichen von Autismus. Wieder fing ich an, an meinen eigenen Fähigkeiten zu zweifeln und suchte wieder Hilfe von außen. Psychologen, Gurus und Tierärzte verdienten sich an uns eine goldene Nase. Ohne Erfolg. Ich fing an, ihm Inseln (Rituale) zu bauen, um ihm den Alltag zu erleichtern.

 

Ein Tierarzt sagte dann: “genießen Sie die letzten Wochen mit ihm. Ich erspare ihnen eine Kopfuntersuchung, die nur hervorbringen würde, dass er einen Tumor oder Wasser im Kopf hat.”

 

Von da an genossen wir jeden Tag seine Lebensfreude und hofften, ihn noch lange bei uns zu haben. Er war der Hundekumpel, mit dem man prima um die Häuser zieht und nach Feierabend ein Bierchen nimmt.

 

Was das Ganze für mich noch viel schlimmer machte. Ich baute noch mehr “Inseln” und meidete mögliche Auslöser. Aber es sollte schneller zu Ende sein, als erwartet. Am 10.11.2006 bekam er abends vor dem Fernseher so einen Aussetzer.

 

Jeden Abend lag er mit unserem Jüngsten auf dem Teppich und sie schauten TV. An diesem Abend hatte Charlie ihn fast ins Gesicht gebissen (zum 1. Mal im häuslichen Bereich). Ich hatte nicht bemerkt (oder verdrängt), wie stark seine Ausfälle sich vermehrten.

 

So ein toller Hund, ein Opfer von "Züchtern"...

Mein Ex - Mann hat dann die Konsequenz gezogen. Die Familie geht vor. Dieser musste ich nachgeben. Er war unberechenbar – jetzt schon in ritualisierten Situationen. So hatten wir am Montag den 13.11.2006 den letzten Termin, und er die Reise über die Regenbogenbrücke, bei seiner behandelnden Tierärztin.

 

Das war einer der schrecklichsten Tage in meinem Leben. Aber was dieser junge Hund uns und besonders Lucy und mir hinterlassen hat, ist unbeschreiblich. Wofür andere ein langes Leben brauchte, hatte Charlie in nur 15 Monaten geschafft. Er hatte sein Lebensziel erreicht. Er schenkte einem Artgenossen neue Lebensqualität und ich lernte durch ihn so viel. Ich froh, dankbar und stolz so einen Hund gehabt zu haben.

 

Dass er mich haben wollte. Ich werde ihn nie vergessen. Lucy war nicht traurig, wieder Einzelhund zu sein. Wir arbeiteten weiter an unserem Vertrauen und Lucy schaffte es, anderen Hunden den Rücken zu zukehren, um mir so die Verantwortung zu übertragen. Wir hatten keine negativen Erfahrungen mehr und konnten so endlich zusammenwachsen.

 

Ein tolles Ergebnis und phantastische Fortschritte. Wir hatten es dank Charlie geschafft, unser Ziel war erreicht und unsere gemeinsame Zeit endete am 03.08.2008. Lucy hatte ihren Kampf gegen den Krebs verloren.